Kapitalismus vs. Klima

Das Thema Klimawandel ist nicht der Schwerpunkt dieses Blogs, aber ich möchte doch einmal meiner Sorge Ausdruck verleihen.

Die FAZ hat am 10. Juni einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel „Länder gegen härtere Klimaschutzziele“. Thema ist der Klimaschutzplan 2050 des Bundesumweltministeriums.

Verschiedene Politiker und Lobbyisten sorgen sich, dass Klimaschutzmaßnahmen der Wirtschaft schaden könnten. Sie wollen weiter Kohle verbrennen.

Zum Beispiel der Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Herr Duin (SPD):

„Ich bin der Überzeugung, dass die bisherigen Maßnahmen zum Klimaschutz in Deutschland schon so weitreichend sind, dass wir keinen Bedarf an zusätzlichen ordnungsrechtlichen Maßnahmen haben.“

Auch der Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel bläst ins gleiche Horn. Man dürfe das Thema nicht auf den Kohleausstieg reduzieren; soziale und wirtschaftliche Belange müssten beachtet werden.

Der Industrieverband BDI meldet sich auch zu Wort:

„Die überhasteten Vorschläge des Bundesumweltministeriums gehören grundlegend überarbeitet.“

Die Länder-Wirtschaftsminister „erinnerten daran, dass die Planungs- und Investitionssicherheit für die Unternehmen nicht gefährdet werden dürfe.“

Ausserdem glauben sie nicht, dass deutsche Klimaschutzmaßnahmen irgend etwas bringen, denn die anderen Staaten würden dann entsprechend mehr emittieren.

Der Tenor der Beiträge ist: Wenn die Verbrennung von Kohle und Öl gestoppt wird, kostet das Arbeitsplätze und gefährdet die Gewinne von bestimmten Unternehmen.
Deshalb: Business as Usual.

Diese Denkweise finde ich unglaublich gefährlich und dumm, denn der Klimawandel sollte Priorität haben vor dem üblichen Arbeitsplatz- und Gewinn-Denken.

Das Beispiel zeigt, dass Kapitalismus und Klimawandel grundsätzlich schwer miteinander zu vereinbaren sind. Die Kanadierin Naomi Klein hat darüber das Buch „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima“ geschrieben.

Sie schreibt darin:

Die Emissionen steigen, weil niemand den Energieunternehmen verboten hat, Kohle zu verbrennen. Der ganze Fortschritt ist gefährdet, wenn die politischen Entscheidungsträger nicht Nein zur Fossilindustrie sagen. (S. 174)


Rezension „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima“

Ich habe eine Rezension des Buches geschrieben und bei Radio Darmstadt in meiner Sendung „Global denken, Lokal handeln“ vorgetragen. Die Sendung kann als Podcast angehört werden. Hier die Rezension:

Das Buch „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima“ beginnt mit der Frage, warum so viele Menschen den Klimawandel als Falschmeldung betrachten. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, doch in den USA scheint diese Meinung sehr verbreitet zu sein:

Noch 2007 war der Klimawandel etwas, dessen Existenz fast alle anerkannten. Es kümmerte sie nur nicht so besonders.

Heute hingegen begegnet ein großer Teil der Wähler diesem Thema mit leidenschaftlichem Interesse – wobei es ihnen hauptsächlich darum geht, den Klimawandel als „Schwindel“ darzustellen. Die Linken hätten ihn erfunden, damit sie die Glühbirnen austauschen und auf Geländewagen verzichten müssten.

Im Glaubenssystem der US-Rechten nimmt die Leugnung des Klimawandels inzwischen einen so zentralen Platz ein wie Steuersenkungen, Waffenbesitz und der Kampf gegen Abtreibung. (S. 53)

Woher kommt die Idee, dass der Klimawandel nicht reell sein könnte?

Und wer verbreitet diese Idee und warum?

Dazu schaut Naomi Klein in die Vergangenheit, nämlich in die Zeit der Hippie-Bewegung. Damals wurden viele Wirtschaftsinstitute gegründet:

Viele dieser Institute wurden Ende der 60er Jahre gegründet. Damals befürchtete die Wirtschaftselite, dass sich die öffentliche Meinung vom Kapitalismus abwendet.

Die Institute verbreiteten folgende Meinung: Gier und grenzenloses Besitzstreben ist nichts, wofür man sich entschuldigen müsse.

Sie kämpften für Steuersenkungen, Freihandelsabkommen, Privatisierungen. Dies alles ist unter dem Begriff „Neoliberalismus“ bekannt. (S. 54)

Die Wirtschaftsinstitute versuchten also, die öffentliche Meinung hin zum Kapitalismus und zum Wachstumsmodell zu beeinflussen.

Das ist ihnen offensichtlich gut gelungen. Doch nun kommt der Klimawandel.

Was braucht unser Klima, um nicht zusammenzubrechen? Einen Rückgang des Ressourcenverbrauchs.

Was fordert unser Wirtschaftsmodell, um nicht zusammenzubrechen? Ungehinderte Expansion.

Nur eines dieser beiden Regelsysteme lässt sich verändern. Und das sind nicht die Naturgesetze. (S. 33)

Hier gibt es anscheinend ein Problem.

Kohle und Öl sollen im Boden bleiben, anstelle gefördert zu werden.

Naomi Klein stellt fest, dass die Ölfirmen das restliche Öl der Erde bereits verplant haben.

Die fossile Industrie plant mit 3.000 Gigatonnen Kohle- und Ölreserven in der Erde. Dafür werden jetzt Investitionen getätigt: neue Förderanlagen, Schiffsterminals usw.

Das ist äußerst problematisch, denn wir dürfen nur 500 Gigatonnen verbrennen, um die Erwärmung auf 2°C zu begrenzen.

Die Industrie hat also vor, fünfmal so viele fossile Brennstoffe zu verbrennen, wie die Erdatmosphäre aufnehmen kann.

Die Wirtschaftsinstitute stellen also fest, dass der Klimawandel das Geschäftsmodell der fossilen Industrie bedroht. Welche Konsequenz ziehen sie daraus? Sie erklären den Klimawandel zu einer Lüge.

Viele Klimawandel-Leugner geben ganz offen zu, dass sie eine gewaltige Angst haben.

Denn wenn der Klimawandel tatsächlich existieren sollte, hätte das katastrophale politische Konsequenzen für sie. (S. 58)

Warum leugnen so viele Menschen den Klimawandel? „Man kann einen Mann nur schwer dazu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht.“ (S. 63)

Welche Folgen hätte also ein Anerkennen des Klimawandels?

Die Industrieländer müssen sich nämlich stärker einschränken als die Entwicklungsländer. Eine Umverteilung hin zu den armen Ländern.

Und diese Umverteilung von Reichtum stellt für das Heartland Institute das schlimmste aller denkbaren Verbrechen dar. (S. 56)

Was ist zu tun?

Für einen fairen, gerechten und inspirierenden Übergang, weg von den fossilen Brennstoffen, müssen wir [..] auf direkten Konfrontationskurs zu den herrschenden Dogmen unseres Wirtschaftssystems gehen.

Der Wandel bricht alle ideologischen Regeln, denn er erfordert:

  • Langfristige Planung
  • Regulierung der Unternehmen
  • höhere Steuern für Reiche
  • hohe öffentliche Ausgaben
  • weniger Privatisierungen

Dies alles ist erforderlich, damit unser Dreck nicht unsere Welt von Grund auf verändert. (S. 121)

Also: Warum haben wir unsere Emissionen bisher nicht reduziert?

Weil dies in fundamentalem Widerspruch zum deregulierten Kapitalismus steht. .. Wir kommen nicht weiter, weil die erforderlichen Maßnahmen eine extreme Bedrohung für eine elitäre Minderheit darstellt. Diese Minderheit hat unsere Wirtschaft, unseren politischen Prozess und unsere wichtigsten Medien im Würgegriff. (S. 30)

Im Moment lähmt die herrschende Marktlogik fast alle Bemühungen im Kampf gegen den Klimawandel. Die Herausforderung besteht also darin, eine andere Weltanschauung durchzusetzen. Die Natur, andere Länder, und unsere Nachbarn sollten wir nicht mehr als Gegner sehen, sondern als Partner. (S. 36)

In Amerika gibt es viele Menschen, die den Klimawandel leugnen.

Es ist immer einfacher, die Realität zu leugnen, als zuzulassen, dass die eigene Weltanschauung erschüttert wird. (S. 52)

Man verspricht sich sogar Vorteile vom Klimawandel:

Zitat eines konservativen Bloggers: „Der Klimawandel wird der US-Wirtschaft helfen und die geopolitische Bedeutung der Vereinigten Staaten stärken.“

„Viele gefährliche Staaten werden mit verheerenden Zuständen zu kämpfen haben.“

Also: Weil die Gegner Amerikas das Pech haben, in armen und heißen Regionen zu leben, profitieren die Vereinigten Staaten und stärken ihre Macht.

Wer den Klimawandel leugnet, schreibt einen großen Teil der Menschheit einfach so ab. (S. 66)

Es ist menschenfeindlich, die zunehmenden Stürme, Hochwasser und Meeresspiegel-Erhöhungen als positiv hinzunehmen.

Und tatsächlich findet Naomi Klein, dass die Menschen weniger nett zueinander werden:

„Auf einem viel wärmeren Planeten werden Großzügigkeit und Altruismus wahrscheinlich abstumpfen“. Sagt ein ehemaliger CIA-Direktor. (S. 72)

Das glauben Sie nicht? Was sagen wir denn zu den vielen Flüchtlingen, die übers Meer zu uns kommen? Und zu hunderten ertrinken? Der Fachbegriff dafür ist „Mitleidsmüdigkeit“.

Wir haben also einen Mangel an Empathie. Ich dachte bisher, die fossilen Rohstoffe sind knapp.

Also:

Wenn wir im Kampf gegen die Klimaerwärmung Fortschritte erzielen wollen, müssen wir mit den Regeln des freien Marktes brechen. (S. 150)

Und nun kommen wir in die Niederungen der Praxis.

In der Praxis passiert nämlich erschreckend wenig.

Ebenso wie Obama fällt es Angela Merkel unglaublich schwer, sich gegen die Fossilindustrie zu stellen. Das ist ein Riesenproblem: die Fossilindustrie will die Kohlevorräte unbedingt abbauen, sie müssen aber im Boden bleiben. (S. 177)

Noch nicht einmal die Klimagipfel scheinen etwas zu ändern:

Als der Klimagipfel in Kopenhagen zu Ende war, reagierten die Börsenkurse der Fossilindustrie so gut wie gar nicht.

Ganz offensichtlich hatten die Anleger erkannt, dass man sich wegen den politischen Entscheidungen des Klimagipfels keine Sorgen zu machen brauchte.

Diese Entscheidungen waren nicht annäherned so wichtig wie die Bergbau- und Bohrgenehmigungungen der Energieministerien.

Vielleicht machen wir etwas falsch? Hätten wir vielleicht unsere Atomkraftwerke nicht abschalten sollen?

Die Emissionen in Deutschland steigen nicht deshalb, weil Atomkraftwerke abgeschaltet wurden.

Sie steigen, weil niemand den Energieunternehmen verboten hat, Kohle zu verbrennen.

Solange Kohlestrom irgendwo verkauft werden kann, wird er verkauft werden.

Wir brauchen strenge Vorschriften gegen den Abbau und die Verbrennung von Kohle.

Der ganze Fortschritt ist gefährdet, wenn die politischen Entscheidungsträger nicht Nein zur Fossilindustrie sagen. (S. 174)

Was tatsächlich passiert: Weitere 80 Unternehmen sollen von der Ökosteuer befreit werden. Das hat unser Bundeswirtschaftsminister Ende April berichtet.

Viele Klimaexperten haben die Hoffnung aufgegeben, das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Warum? Weil man dafür das Wirtschaftswachstum grundsätzlich in Frage stellen müsste. (S. 114)

Das klingt deprimierend. Vielleicht fangen wir mal bei uns zuhause an, das Klima zu retten.

Viele Menschen versuchen schon, ihren Alltag [nachhaltig] zu gestalten.

Aber: Das reicht nicht aus. Wir brauchen umfassende Maßnahmen und Programme. Klimafreundliche Entscheidungen müssen leicht und bequem sein.

  • Billiger öffentlicher Nahverkehr
  • Billige Zugtickets
  • Bezahlbare und sparsame Wohnungen
  • Flächendeckender öffentlicher Verkehr
  • Städte mit hoher Wohndichte, Zersiedelung vermeiden
  • Gute Radwege
  • Hersteller für ihren Elektroschrott verantwortlich machen. (S. 117)

Klein-Klein hilft also nix, unsere Gesellschaft muss sich ändern:

Wenn wir dem Klimawandel wirklich effektiv begegnen wollen, müssen wir uns auf radikale Lösungen im gesellschaftlichen Bereich konzentrieren. (S. 37)

Es wird nicht einfach, am Kapitalismus etwas zu ändern. Oder am Wachstumsmodell. Oder an der Stromerzeugung mit Kohle.

Denn was passiert, wenn z.B. unser Superminister Gabriel eine Zusatzabgabe für alte Kohlekraftwerke vorschlägt? Die CDU sagt: „Wir können jetzt nicht einfach die Kohle plattmachen.“ Und ihr Wort hat Gewicht, denn sie hat fast die Hälfte der Sitze im Bundestag.

Der gleiche Superminister hat Ende April verkündet, dass die Wirtschaft schneller wächst. Eine gute Nachricht?

Unternehmen, die fossile Rohstoffe fördern, müssen in diesem und nächsten Jahr die selben Megaprofite machen. Die Aktionäre erwarten dies.

Können wir weitermachen wie bisher? Nein! Was ändern wir also? Die Wirtschaft! Wie machen wir das? Indem wir uns dem Konsum verweigern!

Das Auto verkaufen und kein Benzin mehr kaufen.

Das Haus dämmen und kein Erdgas mehr kaufen.

Und so weiter.

Weniger konsumieren bedeutet: wir verändern unseren Energieverbrauch.

  • wie oft fahren wir?
  • Wie oft fliegen wir?
  • Werden unsere Lebensmittel eingeflogen?
  • Gehen unsere Sachen nach kurzer Zeit kaputt?
  • Wie groß ist unsere Wohnung? (S. 116)

Dazu müssen Sie natürlich Ihren Lebensstil ändern. Aber was ist der Preis, wenn Sie ihn nicht ändern?

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