“Öko”Siedlung in Friedrichsdorf – gut fürs Image, gut fürs Auto, schlecht für die Umwelt

Was ist eigentlich eine Ökosiedlung? Nach Wikipedia ein Stadtteil, der an ökologischen Kriterien ausgerichtet ist. Insbesondere werden die Verkehrsplanung und der Energiestandard genannt.

In diesem Artikel werde ich verschiedene Aspekte der Friedrichsdorfer Ökosiedlung beleuchten und hinterfragen.

Verkehrskonzept

Von einer Ökosiedlung erwarte ich, dass das Auto soweit wie möglich zurückgedrängt wird. Es sollte unbequem sein, ein Auto zu nutzen, und Fahrräder sollten wohnungsnah abgestellt werden können. Mit dem Fahrrad und auch mit Rollator sollte man sich in der ganzen Siedlung bewegen können. Autos sollten in der Siedlung nicht sichtbar sein. Der ÖPNV sollte häufig fahren, und eine direkte Anbindung zur Stadtmitte und zum Bahnhof bieten.

Breite Stellplätze, schmale Gehwege (1,75 m)


Was tatsächlich gebaut wird:

Auto

Für Autofahrer gibt es in der Ökosiedlung paradiesische Verhältnisse: Es gibt pro Wohneinheit zwei Stellplätze in einer Tiefgarage. Von dort gibt es einen direkten Zugang zur Wohnung. Zusätzlich sind die Straßenränder mit Stellplätzen gepflastert.
Es gibt keinen Grund, auf sein Auto zu verzichten.

Schmaler Gehweg, breite Fahrbahn, viele Kfz-Stellplätze: Flächenverteilung in der Ökosiedlung.

So wird’s eine Ökosiedlung:

1) Tiefgaragenplätze so zuweisen, dass man einen großen Fußweg bis zu seinem Auto hat (gemäß der These von Prof. Knoflacher, dass für eine Mobilitätswende der Fußweg zur Bushaltestelle kürzer als der Weg zum Auto sein muss)

2) Weniger Kfz-Stellplätze am Fahrbahnrand (keine Kfz-Dominanz), Parken auf 2h beschränken.

3) Bauliche Verkehrsberuhigung durch Kölner Teller etc.

Fahrrad

In der Siedlung gibt es diverse Treppenanlagen. Die meisten Wohnungen sind somit nur von einer Seite mit dem Fahrrad zu erreichen. Vor den Gebäuden gibt es gerade mal genug Fläche für die Mülltonnen. Für Fahrräder ist da kein Platz mehr. Wenn es Abstellanlagen gibt, ist der Abstand zwischen den Bügeln mit 1,00 m zu gering (gemäß Stellplatzsatzung 1,20 m erforderlich).

Wo ist Platz für abgestellte Fahrräder vor den „Gartenstadthäusern“?

So wird’s eine Ökosiedlung:

1) Fahrradabstellanlagen mit Rahmenanschließmöglichkeit vor jedem Haus (2,5 je Wohneinheit)

2) Rampen statt Treppenanlagen

Fußgänger

Zu Fuß gehen ist an vielen Stellen nur auf schmalen Gehwegen möglich. Die Breite der meisten Gehwege beträgt 1,75 m bis 1,80 m, Laternenmasten stehen mitten auf dem Gehweg (Restbreite 1,40 m). Dies widerspricht den „Empfehlungen für die Anlage von Stadtstraßen“ (RASt 2006 der FGSV, Kapitel 6.1.6.1): dort sind 2,30-2,50 m angegeben (1,80 m Grundraum + 20 cm Hausabstand + 30-50 cm Sicherheitsabstand zur Fahrbahn).
Wo Autos senkrecht geparkt werden (nebeneinander), fehlt der Sicherheitsabstand von 70 cm. Die nutzbare Gehwegbreite wird dadurch reduziert.
An mehreren Stellen gibt es Treppenanlagen ohne Rampen, dadurch sind Umwege erforderlich.

War das notwendig? Treppenanlage ohne Rampe.

So wird’s eine Ökosiedlung:

1) Gehwegbreite mindestens 2,50 m

2) Bei Senkrechtparkern verhindern, dass auf den Gehweg gefahren werden kann (Querbalken)

3) Rampen statt Treppenanlagen

4) Keine Einbauten auf die Gehwege platzieren (Laternenmaste etc.)

5) Sitzbänke in der Siedlung verteilt

Der Fahrzeugüberhang bei Senkrechtparkern wurde nicht berücksichtigt. Dadurch haben Fußgänger nur 1,20 m Raum.

ÖPNV

Eine Bushaltestelle gibt es lediglich außerhalb des Quartiers. Dort fährt eine Buslinie (Haltestelle „Friedrichsdorf Ökosiedlung“. Buslinie 54 Friedrichsdorf-Köppern. RMV-Fahrplan 2020), die werktags stündlich verkehrt (in der Hauptverkehrszeit halbstündlich). Am Wochenende fährt der Bus alle 90 Minuten. Nach 19 Uhr gibt es keine Fahrten. Sonntags fährt der erste Bus erst um 13 Uhr.
Immerhin wird der Friedrichsdorfer Bahnhof direkt in 6 Minuten und das Ortszentrum in 3 Minuten erreicht. Das Mittelzentrum Bad Homburg wird direkt in 30 Minuten erreicht.
Für eine Ausweitung des Fahrplans wird es höchste Zeit: die ersten Bewohner wohnen schon dort.


Fahrtweg der Buslinie 54 von der Ökosiedlung (grün) zum Bahnhof und nach Bad Homburg (rot).
Quelle: RMV

Dann gibt es noch die Linie 53, die bis zum Bahnhof eine Stadtrundfahrt macht, und die auch nicht direkt an der Ökosiedlung hält.

Fahrtweg der Buslinie 53 von der Ökosiedlung (grün) zum Bahnhof. Zurück geht’s schneller (Ringlinie).
Quelle: RMV

Dieser Bus fährt gemäß Fahrplan Mo-Fr zwischen 6:30 Uhr und 19:30 Uhr stündlich mit Verstärkerfahrten in der Hauptverkehrszeit (vom Bahnhof bis 22 Uhr). Samstags stündlich, sogar bis 1 Uhr. Sonntags kein Betrieb.

So wird’s eine Ökosiedlung:

1) Busangebot Mo-Sa zwischen 8 und 20 Uhr alle 30 Minuten (mit Vertaktung zur S-Bahn), zwischen 5..8 Uhr und 20..23 Uhr stündlich, sonntags zwischen 8..20 Uhr stündlich

2) Bushaltestelle im Quartier, zumindest für die Fahrtrichtung Bahnhof / Bad Homburg

Carsharing / Bikesharing

An einem Ort im Quartier sind Stellplätze für Carsharing und Bikesharing vorgesehen. Diese sollen über eine selbstentwickelte App gebucht werden können. Aber: „Ansprüche auf die tatsächliche Bereitstellung der E-Mobilität bestehen nicht“.

So wird’s eine Ökosiedlung:

Kostenfreier Lastenradverleih mit 3 Rädern, Ausleihdauer bis zu 3 Tagen. (Freie Lastenräder)

Kostenfreier Verleih von Lastenkarren zum Transport vom Parkhaus zur Wohnung

Energiestandard

Die meisten oder alle Gebäude in der Ökosiedlung Friedrichsdorf werden nach dem Standard KfW Effizienzhaus 55 gebaut. Das bedeutet, dass der Heiz-Wärmebedarf dieser Gebäude bis 35 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr beträgt.

Unverständlich für mich ist, warum man nicht im bestmöglichen Standard, dem Passivhausstandard, gebaut hat. Der Heiz-Wärmebedarf dieser Gebäude beträgt nämlich nur 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Die jetzt gebauten Gebäude haben mehr als doppelt so viel Wärmebedarf!

Ich habe ausgerechnet, dass in einem Zeitraum von 30 Jahren ein Mehrbedarf von 14 Millionen Kilowattstunden Erdgas anfällt.

Die Idee eines Nahwärmenetzes mit 54°C Temperatur finde ich sehr gut. Dass es einen großen Eisspeicher (1.200 m³) mit Wärmepumpe gibt, ist aus meiner Sicht vor allem ein Gadget. Dass der Eisspeicher mit Erde überdeckt wird und dadurch gut isoliert ist, finde ich gut.

Der Speicher soll mit Kälte befüllt werden, die aus Sonnenwärme produziert wird:

  • 500 m² Solarthermie (als Hybridmodul mit zusätzlicher Photovoltaik) und
  • 300 m² Solarabsorber (schwarze Kunststoffschläuche).

Aber es gibt auch

  • einen Gaskessel mit 1.500 kW für den Winterbetrieb,
  • einen Thermoölkessel mit 300 kW, und
  • ein gasbetriebenes Blockheizkraftwerk mit 250 kW elektrisch und 300 kW thermisch.
    Der dort gewonnene Strom soll für den Betrieb der Wärmepumpe ausreichen. Es soll ganzjährig betrieben werden.

Die solar erzeugte Energie soll vor allem das Trinkwasser erwärmen, sowie im Frühling und Herbst die gasbetriebene Heizung unterstützen.

Wenn man zwei Wärmenetze gebaut hätte, könnte man die Kälte im Sommer direkt ins Haus leiten und damit das Gebäude kühlen. Hat man aber nicht.

Wird es auf den Hausdächern Photovoltaik oder Solarthermie geben? Nein. Es gibt zwar eine Dachbegrünung, aber warum wird diese große Fläche nicht aktiviert?

Noch schlimmer: Es gibt das Gerücht, dass Gebäudebesitzer keine Photovoltaik- oder Solarthermieanlage aufs Dach bauen dürfen!

So wird’s eine Ökosiedlung:

1) Passivhaus-Standard bei allen noch nicht erstellten Gebäuden

2) Photovoltaik auf den Dächern, zumindest Vorrüstung (Statik, Leerrohr aufs Dach, Platz im Stromverteiler), zumindest erlauben

Baustoffe

Welche Baustoffe werden verwendet? Die Stadt Friedrichsdorf fordert in ihrem Exposé: „Die Gebäude sollen in energieeffizienter Bauweise errichtet werden.“

Aus meiner Sicht sollten die tragenden Wände aus Holz sein, oder zumindest aus Kalksandstein. (kleiner ökologischer Rucksack)

Tatsächlich werden die tragenden Wände der meisten Gebäude aus energieintensivem Stahlbeton errichtet.

Immerhin ist die Wärmedämmung aus Mineralwolle, und nicht aus Polystyrol (also Erdöl). Die Dicke beträgt nur 20 cm.

So wird’s eine Ökosiedlung:

Holz statt Beton als Baumaterial für tragende Wände

Wassermanagement

Im Exposé der Stadt Friedrichsdorf wird ein ökologisches Brauchwasser- und Regenwassermanagement gefordert. Davon höre und sehe ich nichts.

So wird’s eine Ökosiedlung:

Ökologisches Brauchwasser- und Regenwassermanagement realisieren.

Warum nur?

Warum konnte diesem semi-ökologischen Konzept der Zuschlag gegeben werden? Das liegt an den von der Stadt Friedrichsdorf vorgegebenen Vergaberichtlinien, und an der Friedrichsdorfer Stellplatzsatzung.

Friedrichsdorf möchte keine Ökosiedlung um der Ökologie willen bauen, sondern den Namen „Ökosiedlung“ als Image verkaufen, um Friedrichsdorf attraktiv zu machen. Zitat: “Ein neues Wohnquartier mit eigenem Image soll entstehen, um das Zuzugspotential zu heben.” (Vorlage 19/2014 auf https://friedrichsdorf.ratsinfomanagement.net/, Kapitel 4.1)

Warum werden keine Passivhäuser gebaut? In der Vergaberichtlinie steht: „Der Energieeffizienzhausstandard KfW 70 muss mindestens erreicht werden.“ (S. 13) Warum nur? Warum stehen Passivhäuser nicht in der Vergaberichtlinie? Ein Versäumnis der Friedrichsdorfer. Ein Grund könnte in Kapitel 4.4 stehen: „Friedrichsdorf verfolgt die Absicht, höchstmögliche Erträge zu erzielen.“ Tja, Ökologie schmälert halt den Ertrag.

Warum gibt es so viele Parkplätze, dass die Autos das Quartier dominieren werden? „Die Stellplätze müssen den Maßgaben
der Stellplatzsatzung genügen.“ (Vorlage 51/2013) In dieser Satzung steht (Stand 2019): „2 Stellplätze je Wohneinheit bzw. Einfamilienhaus“. Das ist der höchste Wert aller hessischen Kommunen! Somit müssen für die 360 Wohneinheiten 720 Kfz-Stellplätze errichtet werden. Der Flächenbedarf dafür beträgt 9.000 m²! (bei 12,5 m² je Fahrzeug)
Ausserdem sind drei Fahrrad-Abstellplätze pro Einfamilienhaus und zwei Fahrrad-Abstellplätze pro Wohneinheit vorgeschrieben. Ausserdem 2-3 Besucher-Stellplätze pro Gebäude ab 6 Wohneinheiten.

Es gibt jedoch seit einer Satzungsänderung von 2019 die Möglichkeit, ein Viertel der Kfz-Stellplätze durch Fahrrad-Abstellplätze zu ersetzen (1 Kfz durch 4 Räder). Ob der Bauherr diese Möglichkeit einsetzt, ist unklar.

Die Friedrichsdorfer Stellplatzsatzung könnte natürlich viel sinnvoller gestaltet sein. In Darmstadt zum Beispiel müssen nur 0,9 Kfz-Stellplätze je Wohneinheit errichtet werden. In Bereichen mit Parkraumbewirtschaftung müssen gar keine Stellplätze errichtet werden. Je Wohneinheit müssen in Darmstadt 2,5 Fahrradabstellplätze errichtet werden.

So wird’s eine Ökosiedlung:

1) Mehr Farbe in die Siedlung (Wandfarben)

2) Kunst im öffentlichen Raum

3) Angebot an Gemeinschaftsräumen

4) Angebot an Ladenfläche für unkommerzielle Nutzungen (z.B. Umsonstladen, Leihladen)

Fazit

Die Stadt Friedrichsdorf will eine „Öko“siedlung für ihr gutes Image. Diese soll maximal viele Kfz-Parkplätze haben (mit direktem Tiefgaragen-Zugang von der Wohnung), und maximalen finanziellen Ertrag bringen. Eine Speckgürtel-Siedlung für eine Speckgürtel-Stadt. In Frankfurt arbeiten, in Friedrichsdorf wohnen, mit dem Auto pendeln und im Taunus-Carree einkaufen.

Dass dabei keine echte Ökosiedlung herauskommen kann, war vorherbestimmt und zeigt sich momentan in der Realisierung:

  • Weder die Richtlinien für Fußgängeranlagen noch die für Fahrradabstellanlagen werden eingehalten.
  • Die Gebäude sind aus energieintensivem Beton gebaut und so schlecht isoliert, dass sie mehr als doppelt so viel Heizwärme benötigen, wie möglich wäre.
  • Die Energie der Sonne wird nicht genutzt, es gibt keine Solaranlagen auf den Dächern.
  • Die Bedingungen für Autofahrer sind so paradiesisch, dass niemand auf die Nutzung des privaten Autos verzichten wird.
  • Der Bus fährt nur stündlich, nicht nach 19 Uhr und Sonntags erst ab 13 Uhr.

Noch sind nicht alle Gebäude und Wege errichtet, Verbesserungen sind noch möglich. Ich wünsche mir, dass die Stadt Friedrichsdorf Nachbesserungen einfordert.

Ein Gedanke zu „“Öko”Siedlung in Friedrichsdorf – gut fürs Image, gut fürs Auto, schlecht für die Umwelt“

  1. Sehr gute Ausarbeitung, was die Detail Schärfe der Bebauung als auch das Verkehrskonzept beleuchtet und auch hinterfragt.

    Ich bin kein Fachmann, aber wenn man den Artikel liest, könnte wohl schon mehr ÖKO in der Siedlung sein als tatsächlich verbaut wurde und noch wird. Erträge durch den Verkaufserlös und Marketing lassen doch schon mal die Augen sich schließen und man verliert dann doch Teile des maximal ökologisch wichtigen.

    Ich denke der Zug hier ist abgefahren und es wird sich nichts mehr ändern lassen, aber alleine das Beispiel mit den Rampen an den Treppen der Durchwegungen der Gartenstadthäuser zeigt, das mehr möglich wäre.

    Dank an den Verfasser für die sehr gute Aufarbeitung!

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