Warum der Radschnellweg Darmstadt-Frankfurt kein Schnellweg ist

Die Pendler zwischen Darmstadt und Frankfurt sollen vom Auto aufs Rad umsteigen. Dafür wird ein Radschnellweg zwischen den beiden Städten geplant.

In diesem Artikel zeige ich, warum der Radschnellweg momentan seinen Namen nicht verdient, und was sich aus meiner Sicht ändern müßte.

Breite

Bei Radschnellwegen soll es möglich sein, dass zwei Räder nebeneinanderfahren können, und ein drittes Rad gefahrlos überholen kann.

Außerdem soll es möglich sein, dass sich im Zweirichtungsverkehr jeweils zwei nebeneinanderfahrende Räder begegnen können. (PDF, S. 11)

Die geplante Breite auf der Strecke Darmstadt-Frankfurt unterschreitet die Standards für Radschnellwege um bis zu 50%. (Quelle: mein Blog-Artikel von April 2015)

Beispiele:

  • Fahrbahnbegleitender Radweg / Radfahrstreifen: 2 m statt 3 m
  • Zweirichtungsradweg: 3 m statt 4 m

Diese Entscheidung enttäuscht umso mehr, als es für die Autofahrer eine 2x vierspurige Autobahn (A5) und zusätzlich eine 2x zweispurige Autobahn (A661) gibt. Jeder einzelne Fahrstreifen ist breiter als der geplante Zweirichtungsradweg.

Vergleich der Breitenverhältnisse:

Autobahn A5 (40 m, 2x vier Spuren mit Stand- und Mittelstreifen)
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Breite Radschnellweg-Standard im Zweirichtungsverkehr (4 m)
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Breite Rad"schnell"weg Darmstadt-Frankfurt im Zweirichtungsverkehr (3 m)
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Tatsächlich wird offiziell nur noch von einer „Rad-Direktverbindung“ gesprochen, offensichtlich da die Standards nicht eingehalten werden. Das Wort „Radschnellweg“ hört man kaum noch.

Geschwindigkeit

Wie lange dauert die Fahrt vom Luisenplatz (Darmstadt) zum Lutherplatz (Langen) mit verschiedenen Durchschnittsgeschwindigkeiten? Länge: 14 km

15 km/h – 55 Min
20 km/h – 42 Min
25 km/h – 33 Min
30 km/h – 28 Min

Für mich macht es durchaus einen Unterschied, ob ich eine oder zwei Stunden täglich unterwegs bin. Von einem RadSCHNELLweg erwarte ich also, dass ich (elektrisch unterstützt) einen Schnitt von 30 km/h fahren kann, und somit z.B. in einer halben Stunde in Langen sein kann. Sonst werde ich das Fahrrad für diese Strecke nicht nutzen.

Mit einem S-Pedelec ist das auch kein Problem, denn es unterstützt den Pedaltritt bis zu 45 km/h. Eine übliche und angenehme Reisegeschwindigkeit ist 35 km/h, darüber wird’s anstrengend.

Nun kommt der Haken: Sind S-Pedelec auf dem Rad“schnell“weg Darmstadt-Frankfurt überhaupt zugelassen? Und die Antwort lautet: NEIN!

Zitat des Regionalverbandes:

Die Trassen können sowohl mit „normalen“ Rädern als auch mit Pedelecs befahren werden.

Diese Aussage stellt klar: S-Pedelecs sind ausgeschlossen. Und damit beträgt die motorunterstützte Maximalgeschwindigkeit auf dem Rad“schnell“weg auch nur 25 km/h. Wer schon mal ein Pedelec gefahren ist, kann sagen: es macht keinen Spaß, schneller als 25 km/h zu fahren, da man es dann komplett ohne Unterstützung fährt.

Die Durchschnittsgeschwindigkeit wird sich also eher bei 20 km/h als bei 30 km/h bewegen. Ich brauche also eine Viertelstunde länger nach Langen, als möglich wäre. Wenn ich denn überhaupt zusätzlich zum S-Pedelec noch ein Pedelec besitze.

Kleiner Exkurs zu den verschiedenen Rad-Typen

Begriff Umgangssprachlich Rechtlich
Fahrrad Alles, was wie ein Fahrrad aussieht. Hat zwei Räder und Pedale. (also Fahrrad, Pedelec, S-Pedelec) Oberbegriff für „klassische“ Fahrräder und Pedelecs. Hat kein Versicherungskennzeichen.
Kleinkraftrad Mofa / Roller Oberbegriff für motorisierte Zweiräder, incl. S-Pedelecs.

Höchstgeschwindigkeit 45 km/h.

Roller. Quelle: Wikimedia
Pedelec Fahrrad mit Motorunterstützung. Fahrrad mit Motorunterstützung bis 25 km/h. Beschleunigt nur, wenn man die Kurbel tritt.

Skizze Pedelec. Quelle: Wikimedia
S-Pedelec Schnelles Fahrrad mit Motorunterstützung. „Fahrrad“ mit Motorunterstützung bis 45 km/h. Beschleunigt nur, wenn man die Kurbel tritt. Rechtlich kein Fahrrad.
Hat ein Versicherungskennzeichen. Darf nicht benutzen:

  • Fußgängerzonen
  • Benutzungspflichtige Radwege
  • Feld- und Waldwege
E-Bike Elektrofahrrad, also Pedelec und S-Pedelec. „Einsitziges zweirädriges Kleinkraftrad mit elektrischem Antrieb, das sich bei einer Geschwindigkeit von mehr als 25 km/h selbsttätig abschaltet.“
Beschleunigt auch, wenn man nicht das Pedal tritt.
Also kein S-Pedelec.

Skizze E-Bike. Quelle: Wikimedia

Wie steht der ADFC zu S-Pedelec?

Ich war davon ausgegangen, dass der ADFC meine Meinung unterstützt und die Freigabe von S-Pedelec auf dem Radschnellweg fordert. Aber Pustekuchen: In einer mir vorliegenden Mail (10.1.17) schreibt der Geschäftsführer des ADFC Hessen sinngemäß, dass S-Pedelecs formal keine Fahrräder sind, und der ADFC sich als Fahrradverband deshalb nicht um S-Pedelec kümmert. Er stellt aber in Aussicht, dass das Thema intern neu diskutiert wird.

Was bringt das neue StVO-Zusatzzeichen?

Zusatzzeichen E-Bikes. Quelle: Wikimedia

Seit 2017 gibt es ein neues Verkehrsschild. Benutzungspflichtige Radwege können damit ausgezeichnet werden. Sein Name laut StVO: „E-Bikes“.

Heisst das etwa, dass man mit S-Pedelec darauf fahren darf? NEIN! Es bedeutet, dass man mit Mofas und Mopeds mit E-Antrieb bis max. 25 km/h darauf fahren darf. Das soll mal einer verstehen..

Routenwahl

Die Route führt durch alle größeren Ortschaften an der Strecke. Eine kürzere Verbindung entlang der Bahnstrecke, mit Zubringern zu den Ortschaften, wurde nicht gewählt – das war wohl zu teuer.

Zitat Regionalverband:

Merkmal der Direktverbindung ist eine mehr oder minder direkte Wegführung.

Widerstand

Die Strecke führt auch durch Wald. Also sollen Waldwege asphaltiert werden. Was sagt die Leiterin des Frankfurter Stadtforsts dazu? (Quelle)

Wir versiegeln keine Waldwege und werden diese auch nicht groß beleuchten.

Und was sagen die Forstämter?

Die zuständigen Forstämter sind wenig begeistert von der Idee, Bäume zu fällen und den Bannwald rund um den Frankfurter Flughafen anzutasten.

Komisch, denn für den Neubau der Landebahn Nordwest wurden schlappe 280 Hektar Wald gerodet (und dabei u.a. Radwegeverbindungen zerstört). Zum Vergleich: das Oberfeld ist 135 Hektar groß. Anscheinend ist ein Radweg nicht so wichtig (für die Wirtschaft) wie ein Flughafen.

Chronologie Radschnellweg Darmstadt-Frankfurt

  • 2013 – Arbeitskreis mit Anrainerkommunden, ADFC etc. wird gegründet
  • 2014 – Machbarkeitsstudie wird beauftragt
  • Sept 2015 – Machbarkeitsstudie wird vom Regionalverband vorgestellt
  • Feb 2016 – Es wird nur noch von „Rad-Direktverbindung“ gesprochen (Quelle: Pressemitteilung Hess. Verkehrs-Minist.)
  • Juli 2016 – Kooperationsvereinbarung Stadt Frankfurt – Regionalverband unterzeichnet
  • Nov 2016 – Beauftragung an ein Planungsbüro erfolgt (Regionalparkgesellschaft Südwest)
  • nächster Schritt: Erstellung einer „Road Map“ (Ankündigung Juli 2016: bis Ende 2016..)
  • „spätestens 2018“ – Baubeginn
  • 2028? – Fertigstellung (Quelle)

Dauer von Wunsch bis Wirklichkeit: 15? Jahre
Kostenschätzung: 8,5 Millionen Euro. (Vergleich Neubau Landebahn Nordwest am Flughafen Frankfurt: Kosten 600 Millionen Euro)

Fazit

Der geplante Rad“schnell“weg Darmstadt-Frankfurt ist viel zu schmal, um gefahrlose Überholungen oder Nebeneinander-herfahrende Begegnungen zu ermöglichen.

Er soll nicht für schnelle S-Pedelecs zugelassen werden und ist somit unattraktiv für weite Wegstrecken.

Er führt nicht auf dem kürzesten Weg von Darmstadt nach Frankfurt und ist somit nicht mal eine „Direkt“Verbindung.

Durch die Zuständigkeit für Bau und Finanzierung bei den Kommunen wird es ein Flickwerk geben, und die „schwierigen“ Stellen werden erst in Jahrzehnten umgebaut.

So sollte es sein

  1. Eine klares Zusage, die Standards für Radschnellwege auch auf der Strecke Darmstadt-Frankfurt einzuhalten.
  2. Eine politische Klarstellung, dass Radschnellwege rechtlich wie Landes- oder Bundesstraßen einzuordnen sind und entsprechend nicht von den Kommunen zu bezahlen sind.
  3. Eine Änderung der Straßenverkehrsordnung dahingehend, dass auch S-Pedelec (=unterstützt bis 45 km/h) benutzungspflichtige Radwege und Wald- und Forstwege nutzen dürfen (mit Höchstgeschwindigkeit 25 oder 30 km/h).
  4. Ein Zusage des ADFC, dass S-Pedelecs ihre Unterstützung genießen, und die Forderung nach einem „echten“ Radschnellweg.
  5. Eine Änderung der Prioritäten weg vom Straßen- und Flughafenbau und hin zum Radschnellweg-Bau.

*** Update 18.4.2017 ***

Heute hat die Stadt Darmstadt eine Präsentation zum Radschnellweg veröffentlicht, welche sie im Januar 2017 im Verkehrsausschuss vorgestellt hatte. Sie ist im Parlamentsinformationssystem zu finden (Link, bei „Anlagen“), oder hier.

*** Update 28.4.2017 ***

Beim Nationalen Radverkehrskongress in Mannheim wurden am 4. April 2017 Experten zum Thema Radschnellwege befragt.

Zitate:

Wenn der Radschnellweg nicht breit genug ist, funktioniert er nicht.

Die Verbesserung der Aufenthaltsqualität ist auch sehr wichtig.

In den Niederlanden ist die Breite immer 4 m, in Ausnahmefällen 3 m.

London -> Regel von Christoph Rennloch:
Wenn > 2.000 Fzg/Tag -> mind. 4,00 m Breite.
Wenn < 2.000 Fzg/Tag -> mind. 3,50 m Breite.

7 Gedanken zu „Warum der Radschnellweg Darmstadt-Frankfurt kein Schnellweg ist“

  1. Die kommunale Infrastruktur ist durchaus nicht auf das Vorhandensein von S Pedelecs abgestimmt. Viele Wege für Radfahrer müssten auch für S Pedelecs freigegeben werden will man nicht das Leben der Radler im Verkehr mit Kraftfahrzeugen in Gefahr bringen. Rücksichtnahme der S Pedelecfahrer auf andere Verkehrsteilnehmer vorausgesetzt. Im Übrigen erreicht man gar nicht die 45kmh , da die Motorunterstützung schon früher weggeregelt wird. Dann kann auch immer mal unverhofft der Akku geleert sein bevor man sein Ziel erreicht hat. Wer jetzt den Vorschriften entsprechend Radwege meidet setzt durch den Zwang des Gesetzes sein eigenes Leben in Gefahr.
    Und als letztes hat der Gesetzgeber auch nicht bedacht, dass es heute durchaus möglich ist ohne Motorunterstützung per Rad über 50km/h schnell zu fahren. Diese Variante ist wieder Gesetzeskonform. Wo bleibt denn da die Sinnhaftigkeit der massiven Nutzungseinschränkungen der aktuellen Gesetze gegen S Pedelect. Sinn ergibt dies erst wenn man den Einfluss der Autolobby mit einbezieht. D.h. die Gesetze sollen einem wie bisher das KFZ als beste Transportoption aufzwingen. No way!

  2. Insgeheim ohne es zu merken wird die Funktion des Radschnellweges ins Gegenteil verkehrt. Denke er soll seinen Beitrag leisten möglichst viele Pendler zum Autokauf und zur Nutzung der A5 und A661 zu zwingen.
    Beispielsweise entspräche das derzeitige Fahrverbot für S Pedelecs auf dem Rad( schnecken )weg einem Fahrverbot von Kraftfahrzeugen in Ortschaften, da diese ja bauartbedingt schneller als 50km/h fahren.
    Dies ist auch zwingend aus der Sicht eines Autostaates notwendig, da diese Fahrräder ungebremst bereits deutliche Vorteile für den Nutzer bieten. Man ist eben schneller am Ziel im Vergleich zum öffentlichen Verkehr. Häufig auch schneller oder gleichauf mit staugestressten Wegen im Berufsverkehr. Dazu kommt der gesundheitliche Effekt. Wenn ein gesundheitlich angeschlagener Autofahrer, der jahrelang in der Abgasfahne seine Arbeitswege zurücklegt merkt, dass es ihm eine bessere Lebensqualität und auch statistisch einige zusätzliche Lebensjahre bringt sind für die Autolobby natürlich Gewitterwolken im anflug. Dies gilt es frühzeitig mit Hilfe der Lobby in Berlin zu verhindern und Druck auf den Gesetzgeber auszuüben. Vielleicht auch Zuckerbrot. Also erlässt man unsinnige Vorschriften. Hier auf kommunaler Ebene spielt sich anscheinend das Selbe ab.

  3. Das Netz von Radfernwegen wächst langsamer als das Eisenbahnnetz seit 1850. Wenn es fertig ist – so gegen 2200 – ist die Menschheit wahrscheinlich schon längst wegen Klimaerwärmung ausgestorben.

  4. Wenn sich ein Weg Radschnellweg nennt, dann muss er gut mit einem Rennrad von Radsportlern befahrbar sein.
    Weiterhin braucht man am Arbeitsplatz eine Dusche und muss sein Rad auch diebstahlsicher abstellen können.

    1. Und ich befürchte, dass für die flotten Radfahrer sich das Ding nicht lohnt. Sieht super verwinkelt aus, da fahre ich lieber weiter die B3, das ist deutlich direkter und schneller und an vielen Stellen sind schön breite Seitenstreifen. Wäre nur schön, wenn es durch die Ortschaften ein besseres Verkehrskonzept gäbe, aber daran wird sich wohl auch mit diesem Projekt nichts ändern. IMHO mal wieder an den Problemen der Realität vorbei gedacht…

  5. Ein Fahrrad ist für mich ein Verkehrsmittel, das mit Muskelkraft betrieben wird – eventuell unterstützt vom Elektromotor.
    Der Schnellweg sollte wenigstens 4 m breit sein und wichtige Verbindungen möglichst kurz bedienen.
    Lärm- und Abgas emittierende Fahrzeuge haben auf ihm nichts zu suchen.
    Er sollte eine spezielle Infrastruktur haben (gute Ausschilderung, Hinweise auf Werkstatt – öffentlichen Nahverkehr, Unterstellmöglichkeit, solarbetriebene Beleuchtung [mit Bewegungsmelder] usw)

  6. Radfahren ist und bleibt eine Schönwettersache. Die breite Masse kann sich es nicht erlauben mit dem Fahrrad zur Arbeit zu pendeln, man verbindet doch Wege mit dem Auto wie z.B. zur Arbeit mit Einkauf, Transport von 100 Sachen, Pfandflachen zurückbringen, zum Recyclinghof fahren und Kinder abholen/bringen… Das Klamottenwechseln nervt dazu noch etc.
    Der Midlife-Crisis-IT-Nerd gibt sich das schon. Aber der findet seine Wege auch ohne schwulen Asphalt-Highway.
    Das Fahrrad ist eine historische Randerscheinung. Mit E- oder ohne.
    Völlig egal wie toll der Radweg wird, spätestens bei -Graden ist Schluß mit lustig. Schnee und Eis … ach macht doch was ihr wollt. Ich bin für Schnellwanderwege oder Go-Kart-Schnellwege, da kann man wenigstens nicht runterfallen.

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